Die Sanierung

„Vom Abenteuer, im Weltkulturgut Lübeck ein altes Haus zu sanieren“

mit freundlicher Genehmigung des Autors Franz Lerchenmüller

 

Auch die Malereien an der Holzdecke der "Historienkammer" zur Mengstraße werden Julius Milde zugeschrieben.

Die Malereien an der Holzdecke der „Historienkammer“ zur Mengstraße werden Julius Milde zugeschrieben.

Am Ostersamstag 1996 ging Thomas Schröder ans Eingemachte. Vorsichtig stemmte er im ersten Stock seines neuen alten Hauses in der Mengsstraße die tapetenbeklebten Rigipsplatten von der Decke und schlug die darunterliegenden Bretter ab. Schwarze Eichenbalken wurden sichtbar, schmutziggraue Matten aus Glaswolle rutschten ihm entgegen. Dahinter kam eine rötlichbraune Holzdecke zum Vorschein, Von der Farbe in großen Placken abblätterte. Trotzdem waren Ranken, Blumen, Blätter und Tiere zu erkennen. Thomas Schröder stand, staunte, war begeistert und, als Architekt, der 35 historische Häuser saniert hatte, gleich im Bilde: eine Malerei aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das hieß zweierlei: Diese Decke würde, ganz am Ende, eine wahre Zierde abgeben. Zuvor aber wurde sie erst einmal die Sanierung ordentlich verteuern.

Deckenmalerei in der Historienkammer nach der Restauration.

Die Deckenmalerei in der Historienkammer nach der Restauration.

Die „Eingeweide“ eines alten Hauses freizulegen, das ist wie der Griff in eine Wundertute. Aber meist sind die Überraschungen weniger erfreulich. Als der 41jährige zwei Tage später im hinteren Flügel das Linoleum auf dem Fußboden zur Seite schlug, musste er tief Luft holen: Die Dielen waren würfelig gezeichnet und von feinen weißen Strängen durchzogen.

Am Fuße eines Balkens saß, einem Ballen vergammelten Montageschaums nicht unähnlich. ein aufgedunsenes. braungrünliches Monstrum: Hausschwamm, hervorgerufen durch eine leckende Badewanne, die vor dreißig Jahren jemand eingebaut hatte. Nur zu klar, was diese Entdeckung bedeutete: Jetzt würde das ganze Unternehmen noch viel, viel mehr ins Geld laufen.

Befund der historischen Deckenmalerei im Landschaftszimmer des Seitenflügels. Die Malerei wird Julius Milde zugeschrieben und war fast ein Jahrhundert unter Deckenverkleidungen verborgen.

Befund der historischen Deckenmalerei im Landschaftszimmer des Seitenflügels. Die Malerei wird Julius Milde zugeschrieben und war fast ein Jahrhundert unter Deckenverkleidungen verborgen.

In einer über 850 Jahre alten Stadt wie Lübeck ein historisches Gebäude wiederherzustellen, ist ein Abenteuer ganz eigener Art. Es erfordert Mut zum Risiko. Flexibilität und Durchhaltevermögen – wie jedes richtige Abenteuer. Haus Nr. 31 in der Mengstraße ist nur eines von 1296 denkmalgeschützten Objekten – schon sanierten wie weiterhin vor sich hinbröckelnden. Und es ist, aus Sicht der Fachleute, nicht unbedingt ein außergewöhnliches.

1612 errichtet, gilt es als typisches Lübecker Dielenhaus, so benannt nach der fünf Meter hohen Eingangshalle, deren Ausmaße nichts anderes besagten als: „Bitte, wir können uns das leisten!“ Zur Straße erstreckt sich eine Backsteinfassade mit einem jener berühmten Treppengiebel, die landauf, landab als Musterstück hanseatischer Baukunst gelten. Ein stabiler Kasten aus 80 Zentimeter dicken Brandmauern ist ein solches Haus.

Die Deckenmalerei im Landschaftszimmer (dem heutigen Birkensaal im Berkentienhaus) nach Fertigstellung der Restauration 1998.

Die Deckenmalerei im Landschaftszimmer (dem heutigen Birkensaal im Berkentienhaus) nach Fertigstellung der Restauration 1998.

Neben der Diele liegt die Dornse, ein“‚von der dahinter liegenden Küche rauchfrei beheizbarer Aufenthaltsraum. Dahinter führt die Treppe in das Obergeschoß, und eine Tür in den schmaleren Flügel im Hof. Diese allen Dielenhäusern gemeinsame Aufteilung ist geblieben – ansonsten haben die Eigner im Lauf der fast vier Jahrhunderte das Innere der Hülle munter nach ihren Wünschen umgebaut. So wurde um 1800 zur Straße hin ein Zwischenboden mit Galerie eingezogen, später wurde dieses Geschoß nach hinten verlängert, weitere Zwischenwände entstanden, zusätzliche Zimmer bis am Ende in dem großen Karton viele kleine Schachteln steckten: ein wahres Labyrinth.

Für Thomas Schröder ist dieses ganz gewöhnliche Kaufmanns- und Handwerkerhaus freilich ein besonderes.

Das Zentrum der Deckenmalerei im Landschaftszimmer (dem sogenannten "Birkensaal"). Die Arbeit wird Julius Milde zugeschrieben.

Das Zentrum der Deckenmalerei im Landschaftszimmer (dem sogenannten „Birkensaal“). Die Arbeit wird Julius Milde zugeschrieben.

Seit 1870 gehört es seiner Familie. Sein Großvater wurde hier geboren, er selbst wuchs zwar in einem Vorort auf, ging aber in der Mengstraße ein und aus – Grund genug für ihn, 1995 das marode Gebäude einem weitläufigen Verwandten abzukaufen. Das alte Gemäuer erwies sich als Schatzkammer und Archiv. Auf den Dachböden stapelten sich Fotoalben, Briefe. Urkunden und Geschäftsbücher, aus denen sich die Geschichte des Hauses höchst lebendig rekonstruieren ließ. Wer es baute, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass es 1678 in den Besitz einer Glaserfamilie überging und bis 1995 stets Wohnhaus und Werkstätte von Glasern und Glasmalern blieb.

Lübscher Kronleuchter vor den Original Hochzeitsschränken von 1822.

Lübscher Kronleuchter vor den Original Hochzeitsschränken von 1822.
© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Ein alter Gravurtisch, ein Bleizug, Glasrohlinge und kleine Öfen, an denen sich die Glaser beim Einsetzen von Kirchenfenstern die Hände wärmten, standen unter dem Dach und sollen später einmal dort auch ausgestellt werden. Der bedeutendste der Glasermeister war Johann Jakob Achelius, „treu, fleißig, stille, friedsam und ehrlich“, wie ihm der Gesellenbrief 1818 bescheinigte. Ein Könner, der zusammen mit dem Lübecker Maler Carl Julius Milde ein Fenster für den Köllner Dom entwerfen, malen, brennen und einbauen durfte, was ihm, neben noch größerem Ansehen, auch einiges Vermögen einbrachte. Dies vermachte er, als er 1870 kinderlos starb, an einen Angestellten namens Carl Martin Berkentien – den Ururgroßvater von Thomas Schröder. Er führte die Firma erfolgreich fort, selbst ,,Senatorin Mann“, die Mutter von Thomas und Heinrich, orderte ihre Fensterscheiben in der Mengstraße, wie das Geschäftsbuch ausweist. Zwei Fenster zum Hof zeigen ihn und Achelius als Stammväter, zwei bärtige Herren vor rotem Samt in nachtblau umrandetem Stern.

Die Diele des Berkentienhauses mit seinen farbigen Glasarbeiten. Die Diele des Berkentienhauses mit seinen farbigen Glasarbeiten.

Die Diele des Berkentienhauses mit seinen farbigen Glasarbeiten.
© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Direkt nach dem Kauf beginnt das Abenteuer Sanierung, an dessen Ende ein Wohnhaus mit Architekten-Büro, einer kleinen Weinhandlung und einer privaten Musikschule stehen soll. Der Denkmaltechniker Stefan Lorenz erhält den Auftrag, ein „verformungsgetreues Aufmaß“ im Maßstab 1:50 zu erstellen. Er legt vom vordersten Punkt des Hauses zum hintersten eine x-Achse, setzt eine y-Achse quer und vermisst jedes Stockwerk. Eine Bestandsaufnahme: „so wird es nie wieder sein“, und zugleich die erste gründliche Übersicht für den Architekten: Wo liegen, verborgen in dem Wust, der Ein- und Umbauten, die tragenden Wände? Wo finden sich Nischen, verborgene Stützbalken, wie ist die innere Struktur? Und: Was lässt sich daraus machen?

Schattenwurf der Hoffenster auf den Äland-Boden der Diele

Schattenwurf der Hoffenster auf den Äland-Boden der Diele
© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Jetzt geht es an die Substanz. Um herauszufinden, wie diese erhalten ist, müssen Pappwände herausgerissen, Mauern gesichtet, Balken und Fußböden untersucht werden. Schröder stellt einen „Freilegungsantrag“ an das Bauamt. Der zuständige Denkmalpfleger Dietrich Oldenburg, sieht sich das Haus an. „Die Musik sitzt immer eine Etage tiefer“ sagt er. „Aber nicht immer sollte man sie zum Klingen bringen.“ Heißt: Hinter jeder Farbschicht kann eine mittelalterliche Malerei zum Vorschein kommen. Was freigelegt wird, muss aber auch gesichert werden – auf Kosten der Bauherren, von denen schon mancher in dieser Phase in eine Nervenkrise schlitterte.

Detail eines Glasfensters an der Innentür vom Laden in die Diele. Das Glas wurde im Haus selbst hergestellt.

Detail eines Glasfensters an der Innentür vom Laden in die Diele. Das Glas wurde im Haus selbst hergestellt.
© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Als Jubel und Qualen der Freilegung überstanden sind, beginnt die Restauratorin mit ihrer Untersuchung. Mit dem Skalpell schneidet sie zentimeterkleine Farbtreppen in die Wände, Schicht auf Schicht. Elf übereinanderliegende Tünchen findet sie auf der östlichen Brandwand, die mit Ornamenten bemalten untersten vier legt sie einen halben Quadratmeter weit frei. Auch die Osterüberraschung nimmt sie sich vor: „Befund 013. Befundort: 06. Östlicher Raum. Decke. Es wurden zwei Fassungen festgestellt. Fassung Nr. 1 Maureskendecke (Reste) Datierung: Anfang 17. Jh. – Fassung Nr. 2 Biedermeierliche Ausmalung Datierung: Anfang 19. Jh.“ – und letztere, sagen auch die hinzugezogenen Kunsthistoriker, stammen wahrscheinlich von der Hand des schon erwähnten Herrn Milde. Thomas Schröder entscheidet: Die Decke wird restauriert. Die Ornamente auf der Wand dagegen kommen unter Japanpapier und wieder unter Putz. „Die nächsten Generationen sollen auch etwas zu tun haben.“

© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Immer klarer erschließt sich der Zustand des Gebäudes. Einbauten, die gut erhalten sind, stammen meist aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Was tun? Der Bauherr entschließt sich, das Haus, soweit möglich, im Stil des Biedermeier wiederherzustellen. Elemente, deren einstiges Aussehen unbekannt ist. werden aber nicht im „Vielleicht-war’s-ja-so“- Verfahren nachgebaut. In die Dornse kommen moderne Fenster. Ebenso III den Laden. Die Sanierung ’97 soll dem Haus anzusehen sein Schröder stellt den Bauantrag. Die Ämter beraten.

Farbreflexe an einem sonnigen Nachmittag. Nur dfür eine Stunde scheint die Sonne über die hohe Mauer des Innenhofes, vorbei an den Giebeln der Nachbarhäuser, um die farbigen Glasfenster der Diele zu durchscheinen.

Farbreflexe an einem sonnigen Nachmittag. Nur dfür eine Stunde scheint die Sonne über die hohe Mauer des Innenhofes, vorbei an den Giebeln der Nachbarhäuser, um die farbigen Glasfenster der Diele zu durchscheinen.
© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Das Stadtplanungsamt prüft, ob die Nutzung ins städtebauliche Nutzungskonzept passt. Das Gewerbeaufsichtsamt kümmert sich um die Einhaltung der Arbeitsstättenrichtlinien: Sind genügend Toiletten vorhanden? Die Feuerwehr hat Einwände: Doppelte Nutzeinheit- da darf es keine Holztreppe geben. Erst ein Abwägungsgespräch vor Ort ergibt, dass über eine Querstraße eine zweite Zufahrt für Löschfahrzeuge besteht: Die Treppe kann bleiben. Der Denkmalpfleger stuft die vorgesehenen Umbauten als „haustypologisch“ ein und findet den Umgang mit der historischen Substanz pfleglich. Trotzdem steht seine Zustimmung unter dem „Vorbehalt der Änderung nach Befund“. Man weiß nie, was ans Tageslicht kommt. Im Zweifelsfall ist auch ein Baustopp möglich. Schröder und Oldenburg gehen offen miteinander um und arbeiten gut zusammen. Auf anderen Baustellen ist der Denkmalpfleger ein weniger gern gesehener Besucher. Zwar sind die Zeiten vorbei, als Bauherren ungerührt Wände mit gotischer Malerei in Stücke schlugen und anschließend über das Bußgeld zeterten, aber notgedrungen verzögern und verteuern seine Auflagen gelegentlich einen Umbau. „Hinterher“, sagt er, „heißt es dann oft: Sie waren Zwar eine penetrante Nudel, aber was wir jetzt haben, ist wunderschön. – Man braucht. Sturheit, aber mindestens ebensoviel Verständnis für die Sorgen des Gegenüber.“

© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

Im Juli ’97 wird die Baugenehmigung erteilt. Die Handwerker kommen ins Haus, erfahrene Experten in Sachen Altbau, die mit alten Materialien umgehen können. So verwenden die Maurer nicht etwa gewöhnlichen Zement, sondern Sumpfkalk aus Dänemark. Ein altes Haus arbeitet, der Putz muss nachgeben. Sumpfkalk ist geschmeidig „wie Butter“. Kalksandsteine, irgendwann als Lückenfüller ins Mauerwerk eingesetzt, werden durch alte Backsteine, „Lübecker Klosterformat“, ersetzt. Längst lagern Abbruchfirmen altes Baumaterial ein, mit fünf Mark pro Ziegel ist der Bauherr dann dabei.Die Galerie ist nur noch in Resten vorhanden.Tischler Jochen Kuschnereit hobelt die Profile nach und setzt sie wieder ein. Aus der Hoftüre entfernt er die geschwungen, pseudobarock überformten Sprossen und ersetzt sie durch gerade, biedermeierliche. Das Glas, das später eingesetzt werden wird, stammt vom Dachboden des Hauses; gezogene Scheiben – dünn, uneben, leicht schlierig. Im Obergeschoß des Flügels sind die Stukkateure am Werk. Stefan Vans Lambrouck und Karlheinz Jülg schießen Reetmatten an die Deckte. Auf diesen Putzträger werfen sie Grundierungsmörtel, ehe sie selbstgemischten Stuckgips aufziehen,filzen und abziehen, Gips, der einen besonderen Verzögerer enthält. Welchen? Firmengeheimnis. „Manche nehmen Fischleim, andere Zucker. Wir nicht. Aber ein paar Eier haben sie immer dabei, Eine besondere fachliche Herausforderung ist dieses Haus für sie nicht. Keine Rosetten, Medaillons, Putti, die sie frei modellieren dürften, lediglich ein paar Profile, die auszubessern und neu zu ziehen sind. Kein Problem, wenn sich das Negativ anhand abgefallener Teile nachschneiden lässt. Heinz Laatz, der Zimmermann, ist Frührentner und für 610 Mark dabei. Hier kann er noch einmal sein riesiges Fachwissen zur Geltung bringen. Er hat nicht nur jahrelang in Altbauten Balken schräge, gerade oder mit Haken „verblattet“, er vermag, wenn nötig, auch noch eine „Spankopfverbindung mit Scherzapfen und Holznagel“ herzustellen, ganz ohne Bleche und Bauschrauben.

Er und seine Kollegen haben viel Holz erneuert auf diesem Bau. Die Fußpunkte der meisten Dachsparren waren verrottet und wurden verstärkt, an tragende Balken, die später sichtbar bleiben, wurden alte Eichenbalken angelascht Die finden sich ebenfalls im Abbruchlager, einen Tausender kostet ein gut erhaltenes Stuck. Leicht zu verarbeiten sind sie freilich nicht: Hart wie Eisen, nur selten passend in der Breite, manchmal voller Nägel. Keine Probleme gibt es dagegen mit der Imprägnierung. Holz wurde in früheren Jahrhunderten häufig über See geflößt, das Salz aus dem Wasser drang als Schutz in die Stämme. So wie die Zimmerleute arbeiten auch alle anderen: ruhig, mit Überlegung, ihres ganz speziellen Könnens bewusst. Keine Spur von Hektik auf dieser Baustelle, Sorgfalt und Genauigkeit zahlen mehr als Tempo – was der Bauherr m seinen klaren Momenten mit einem lachenden, in den verzweifelten eher mit einem weinenden Auge zur Kenntnis nimmt.

© Dietlind Wolf, www.dietlindwolf.com

In dem Raum über der Dornse läuft das Radio und knackt ein Ölradiator. Auf einem hohen Gestell liegt eine blonde Frau rücklings auf einem Autositz und tupft mit einem Pinsel Farbe an die Decke. Ihr Helfer malt mit Hilfe einer Schnur Zierstriche auf die Balken. Margret Grygorczuk ist Diplomrestauratorin. Vier Monate Arbeit hat sie für die Restaurierung der 20 Quadratmeter großen Holzdecke angesetzt, 30000 Mark wird das den Bauherrn kosten. Der erste Teil ihrer Arbeit, die Sicherung, ist bereits abgeschlossen. Mit einem Spezialleim aus der Schweiz haben die beiden die abblätternden Farbmuster wieder an das Holz geklebt und mit Firnis überstrichen. Jetzt ergänzen sie mit Acrylfarbe – nur die hält auf dem Klebstoff – das frühere Gesamtbild, wie es die Reste vorgeben oder ahnen lassen. „Die neu hinzugemalten Farben liegen etwas tiefer als die alten“, erklärt sie, ,..so dass sich Original und Ergänzung immer voneinander unterscheiden.“ Bloß keine Vorspiegelung falscher Historie. Gearbeitet wird selbst im Keller. In einer Ecke ist ein zwei Meter langer, einen Meter breiter Graben ausgestochen. Im Licht eines starken Scheinwerfers heben sich die Erdschichten deutlich voneinander ab: rötlicher Lehm, schwarzer Torf, grauer Sand. Zwei Männer schaben mit einer Kelle Erde in rote Eimer, ein dritter besieht sich an einem Tisch lehmverkrustete Scherben. Die Archäologen sind am Werk. Wird in Lübeck ein historisches Haus saniert, ist auch das Amt für archäologische Denkmalpflege zur Stelle. In der Mengstraße 31 buddeln die wissenschaftlichen Maulwürfe seit Monaten. Mit gutem Ergebnis, sagt Ernst Otto Esau, der leitende Techniker. Sie haben nicht nur die Steinmauer eines Vorgängerhauses entdeckt, sondern sind, zwei Meter tief unter der Kellersohle, auf alte Holzbohlen gestoßen, offenbar Wand und Treppe eines Kellers, wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert. Genaueres wird die dendrochronologische Untersuchung ergeben: Jahresringe lügen nicht.

Gegraben wird bis in die „nicht anthropogene Schicht“. Gründlichkeit ist oberstes Gebot. „In dem Maße, wie die Schichten verschwinden, muss unsere Dokumentation wachsen“, sagt Ernst Otto Esau. „Hinterher lässt sich nichts nachholen.“ Von jeder Schicht werden Schnittbilder gezeichnet, die Lage eines jeden gefundenen Gegenstandes wird in ein Koordinatensystem eingetragen, inklusive der genauen Höhenangabe über N.N. Der Schlüssel zum einstigen Keller und ein Kupferkessel in ungewöhnlicher Verarbeitungstechnik sind ihre Paradestücke. Überraschungsfunde, die bahnbrechend neue Erkenntnisse nach sich zögen, gibt es diesmal nicht. „Man kann ja nicht nach jeder Grabung die Geshichte neu schreiben“, sagt der bärtige Techniker. „Spricht es nicht auch für die Archäologie, wenn wir finden, was wir in etwa erwarten?“ Bis zu 15 Fachleute und Handlanger arbeiten an manchen Tagen auf den 780 Quadratmetern Baustelle. Das hat seinen Preis.

2,8 Millionen Mark werden bis zur Fertigstellung im Frühjahr 1998 in die Sanierung geflossen sein: in Form von Eigenleistung des Architekten und Handarbeiters Schröder, als Zuschüsse aus Städtebauförderungsmitteln und der Lübecker Possehlstiftung, hauptsächlich aber vom Konto des Privatmannes Schröder. Um das Haus seiner Vorfahren wiederherzustellen, hat er Grundbesitz verkauft – aus dem von ihnen einst angesammelten Vermögen. So schließt sich der Kreis. 2,8 Millionen Mark – das ist genug Geld, um etwa eine prachtvolle Villa an einem wunderschönen See zu kaufen. „Das hat mich nie gereizt“, sagt der Mann mit den braunen Locken und dem Großer-Junge-Appeal. Warum ist es denn reizvoller, zwei Jahre lang fast Jedes Wochenende auf einer zugigen Baustelle zu schuften? Steckt Familiensinn dahinter? Eine Art Ahnenstolz? „Vorfahren sind doch keine Leistung. Warum sollte ich auf sie stolz sein?“ sagt der Ururenkel von Carl Martin Berkentien. „Aber wenn in einem solchen Haus Generationen der Familie nicht nur geboren wurden, sondern auch gestorben sind, dann geht das nicht einfach an mir vorbei. Vielleicht gibt es das noch – eine innere Bindung an vier Mauern und ein Dach.“ Und deshalb wird er, als Referenz an dieses Gemäuer und die Menschen, die darin gelebt haben, pünktlich zum Einzug seinen Namen ändern: Thomas Schröder-Berkentien.