Die Geschichte

Text von Doris Mührenberg

 

Archäologie
Historisches Foto der Mengstraße Ende des 19. Jahrhunderts. Viertes Haus von rechts: heutiges Berkentienhaus, erkennbar am Hinweisschild "Glashandwerk"

Historisches Foto der Mengstraße Ende des 19. Jahrhunderts. Viertes Haus von rechts: heutiges Berkentienhaus, erkennbar am Hinweisschild „Glashandwerk“

Das heutige Erscheinungsbild des Hauses Mengstraße 31 reicht zwar zurück in das 17. Jahrhundert, die Besiedlung begann hier aber viel früher. Archäologische Grabungen während der Sanierung ergaben, dass auf dem Grundstück Häuser standen, deren hölzerne Keller noch in der Erde steckten. Das älteste Haus wurde um oder nach 1186 errichtet, das darüber liegende um oder nach 1203. Zugänge in Form einer Rampe (der ältere) und einer Treppe (der jüngere) hatten diese beiden Keller von der Geraden Querstraße aus, die Häuser wurden durch Feuer vernichtet. An der Straßenfront der Mengstraße entstand im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts ein traufständiges, vermutlich mehrgeschossiges Backsteinhaus mit einer Grundfläche von ca. 63 qm. Dieses wird dann in der Zeit um 1300 zu einem typisch lübschen Dielenhaus weiterentwickelt.

Bei dem Gebäude Mengstraße 31 handelt es sich um ein Eckhaus an der Mengstraße und der Geraden Querstraße. Die Ersterwähnung eines bebauten Grundstücks an dieser Stelle reicht bis ins Jahr 1297 zurück. Es ist ein Wohn – und Geschäftshaus mit Renaissance- Treppengiebel, Lukenöffnungen mit Rundstabprofilierung und einem rückwärtigen Dreiecksgiebel.

Das Gebäude hat ein hohes rundbogiges Portal mit im 18. Jahrhundert verputztem Gewände und Kämpfergesims sowie erhaltenem Bogengesims auf Konsolen.

Historisches Foto des Johann Jacob Achelius mit seiner Frau im Salon seines Wohnhauses Ende 19. Jahrhundert

Historisches Foto des Johann Jacob Achelius mit seiner Frau im Salon seines Wohnhauses Ende 19. Jahrhundert

Die Ausstattung im Inneren reicht von der Renaissance bis ins Biedermeier, so gibt es z.B. eine barocke Treppe. Und sogar eine Ausmalung im Stil der Neo-Renaissance im nordöstlichen Raum des Zwischengeschosses im Vorderhaus, die Julius Milde zugeschrieben wird.

Das Vorderhaus in seiner heutigen Form wurde 1612 errichtet, an der linken Seite entstand ein kurzer Flügel, der als Verbindung zum Quergebäude diente. Das Gebäude hat die für Lübeck typische hohe Diele mit einer Galerie und einem Kücheneinbau des späten Rokoko. Der Flügelbau wurde 1840 abgebrochen und dreistöckig bis zur Grundstücksgrenze neu errichtet. Er weist im Inneren einen großen Saal auf, die gemalte Saaldecke in Grautönen mit imitierender Kassettierung und Akanthus-Dekor gibt eindrücklich die spätklassizistisch-biedermeierliche Farbigkeit wieder. Der Dachstuhl mit drei Böden ist auch bei der Sanierung nicht ausgebaut worden. An der Fassade in der Mengstraße sind die Luken, die die Abgänge der Kellerhälse abdecken, zu sehen.

 


 

Karl Martion Berkentin, Glasermeister unter Jacob Achelius und Begründer der "Glaserdynastie" Berkentien. Unter seiner handwerklichen Leitung entstand das Westfenster im Kölner Dom. Historisches Foto Ende 19. Jahrhundert

Karl Martin Berkentin, Glasermeister unter Jacob Achelius und Begründer der „Glaserdynastie“ Berkentien. Unter seiner handwerklichen Leitung entstand das Westfenster im Kölner Dom. Historisches Foto Ende 19. Jahrhundert

Glaswerkstatt

Das Gebäude ist nicht nur baugeschichtlich interessant, sondern auch für die Lübecker Handwerksgeschichte, denn seit dem späten 17. Jahrhundert bis 1995 befand sich in diesem Gebäude eine Glaserei-Werkstatt. In dieser war vor allem im 19. Jahrhundert die Verbindung von Handwerker und Künstler aufs Glücklichste gegeben, denn es wirkten hier Johann Jacob Achelius und Carl Julius Milde zusammen. Sie nahmen auch 1868 den Einbau der aus der 1818 abgebrochenen Burgkirche stammenden Maria-Magdalenen-Fenster in die Marienkirche vor, und ergänzten wo es nötig war. In dieser Werkstatt wurden auch die Fenster in der Westfassade des Kölner Domes hergestellt. Milde und Achelius stellten das Glas selber her, kauften farbiges Glas in verschiedenen Hütten, das Blei für die Ruten wurde selbst gegossen und von Hand gezogen. Auftraggeber für das Werk war der preußische Kronprinz. Es entstand ein 22 Meter hohes Fenster mit sechs Bahnen mit 18 alt- und neutestamentlichen Szenen über gute und schlechte Taten.

Karl Martin Berkentin hat 1870 nach dem Tod des kinderlosen Achelius‘ dessen Werkstatt weitergeführt. Und die Berkentiens führten die Zusammenarbeit mit Künstlern wie A. P. Weber und Alfred Mahlau fort. Hier entstanden in den Jahren 1955/1956 die Totentanzfenster, die Alfred Mahlau für St. Marien entworfen hatte.

Carl Berkentien (aufgrund eines Schreibfehlers nun mit "ie" geschrieben) an der historischen Glasschleifmaschine. Diese ist in unserem Haus noch heute zu besichtigen. Carl Berkentien verfasste eine umfangreiche Familienchronik, die auf beeindruckernde Weise das Leben in Lübeck zum Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt.

Carl Berkentien (aufgrund eines Schreibfehlers in der Schreibstube des Bürgeramtes nun mit „ie“ geschrieben) an der historischen Glasschleifmaschine. Diese ist in unserem Haus noch heute zu besichtigen. Carl Berkentien verfasste eine umfangreiche Familienchronik, die auf beeindruckernde Weise das Leben in Lübeck zum Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt.

Bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts war im Flügelerdgeschoss die Bauglaserei mit einem Ofen, in dem das Blei geschmolzen wurde, im Geschoss darüber die Glasmalerei mit einem Kohleofen und einem elektrisch betriebenen Ofen zum Brennen des Glases, dahinter ein Raum zum Glasschleifen. Im Binnenhof befand sich eine Wanne mit Flusssäure, hier wurden die Bilder in die aus Überfangglas hergestellten Wappen geätzt.

Die Glaserei bestand bis zum Jahre 1995. Von ihr zeugt noch originales Glas im Hoffenster. Danach wurde das stark überbaute Haus saniert. Dabei wurden alle Einbauten und Verkleidungen entfernt, so dass die hohe Diele mit ihrer Galerie wieder vorhanden ist. Die Fassade des Seitenflügels wurde in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Im Großen Saal des Flügels befindet sich jetzt an der Ostwand eine moderne Landschaftsmalerei, Birken, daher auch der heutige Name Birkensaal für den Raum.

Heute ist in der Diele des Gebäudes ein Café eingerichtet und es werden toskanische Spezialitäten verkauft.

 


Originales "Praktikumszeugnis" von 1818. Es bescheinigt die vierwöchige Tätigkeit Jacob Achelius` in einem Meisterbetrieb der Hansestadt Hamburg.

Originales „Praktikumszeugnis“ von 1818. Es bescheinigt die vierwöchige Tätigkeit Jacob Achelius` in einem Meisterbetrieb der Hansestadt Hamburg.

Literatur

  • Manfred Finke, 116mal Lübeck. Denkmalschutz – Sanierung – Neue Architektur. 26 Jahre Umgang mit einem Stadtdenkmal, hrsg. von der Bürgerinitiative Rettet Lübeck (BIRL) e.V., Lübeck 2000, 42.
  • Björn R. Kammer, Wenn alte Türen sich öffnen … Lübecker Wohnkultur und Lebensart im 19. Jahrhundert, Lübeck 1985.
  • Karin Rincke, Berkentien, Mengstraße 31, in: Bürgernachrichten 72 und 73, 1996/1997, 5-6 und 14-15.
  • Ingrid Schalies, Ein Haus am Ende der Stadt, in: Manfred Gläser und Doris Mührenberg (Hrsgg.), Weltkulturerbe Lübeck. Ein Archäologischer Rundgang, Lübeck 2003, 34-35.